50 statt 100

Mai 29, 2011  von Andrea  •  Wandern

Nun war es soweit – die Langstreckenwanderung rund um Jena stand an.

Die Voraussetzungen könnten nun wirklich besser sein:

  • Unsere Testwanderung verlief gar nicht erfolgreich
  • Eine anstrengende und strapazierende Woche liegt hinter mir
  • Zu wenig Schlaf in den Tagen vor der Wanderung
  • Ich fühle mich unausgeruht und gar nicht in Wanderlaune

Aber egal – ich will es lieber versuchen, als schon vorher einen Rückzieher zu machen. Weiterhin setze ich auf ein Dopingmittel gegen die Müdigkeit: Cola!

Es ist ein ziemlich bunter Haufen, der sich am Start einfindet. Die Altersstruktur ist so bunt gemischt wie die Kleiderordnung: Von modernen Kompressionsstrümpfen und High-Tech-Schuhen bis zu dicken Wollpullovern und Sandalen ist alles vertreten. Gleiches gilt für das Gepäck: Winzige Rucksäcke, riesige Rucksäcke, Handtaschen und Plastikbeutel werden gesichtet

Im Vergleich zu Laufveranstaltungen verläuft am Start alles recht gemächlich. Irgendwann machen sich einfach alle auf den Weg. Das Feld ist dicht gedrängt, um mich herum bekomme ich viele Gespräche mit.

Das Tempo ist für mich Langsamwanderer recht zügig.  Zu Beginn lasse ich mich etwas zurückfallen. Ab dem Anstieg in Richtung Kernberghorizontale gibt es im Grunde keine Überholmöglichkeit mehr, so dass ich mich mit dem Feld mittreiben lasse. Ab und zu begegnen wir leicht frustriert dreinschauenden Joggern, die uns auf der engen Horizontale entgegen kommen und nun 800 Wanderer vorbei lassen müssen.

Nach ca. 16 Kilometern erreichen wir den Fuchstum. Hier ging es mir auf der Testwanderung schon richtig schlecht. Diesmal viel besser, so dass ich per Handy noch meine Wanderstöcke bestelle. Diese werden mir bei Kilometer 21 an der ersten Verpflegungsstation geliefert. Dort gibt es auch die wohl tollste Verpflegung, die ich jemals bei einer Veranstaltung bekommen habe:

Die Knacker will ich mir aufheben, auch die Schokolade wird sparsam gegessen. Brauch ich sicher noch. Ich wähle wieder Cola als Getränk, ist heute wirklich nötig. Kurz hinter der Verpflegungsstation fragt ein ratloser Passant “Wo lauft ihr eigentlich alle hin?”.

Mit den Stöcken ist der Anstieg in Richtung Jenzig/Hufeisen viel leichter zu bewältigen. Mittlerweile ist es dunkel, die Mitwanderer kann man nur noch an den Lampen erkennen. Erstaunlich, wie sich das Feld nach der Verpflegungsstation auseinander gezogen hat. Bis zur Kunitzburg bin ich nun immer häufiger allein.

Der Abstieg von der Kunitzburg zeigt mir zum ersten Mal, wie strapaziert die Füße nun schon sind. Bergablaufen bereitet mir eindeutig immer am meisten Probleme. Ich bin bei Kilometer 30. Ich werde nie verstehen, warum beim Wandern die Füße so viel mehr schmerzen als beim Laufen!

Hinter Zwätzen gibt es den unangekündigten Kontrollpunkt, der Abkürzungen vermeiden soll. Vom Reservistenverband gibt es Wasser, Gummibärchen und Traubenzucker. Kurz danach kommt das Stück, auf das ich mich vorher am meisten gefreut habe – meine Lieblings-Joggingstrecke. Im Dunkeln sieht alles wirklich komplett anders aus.

Der Abstieg zur zweiten Verpflegungsstation macht mir richtig zu schaffen. Laut Schild 106 steile Höhenmeter nach unten, das bekommt mir gar nicht. Leicht strapaziert erreiche ich die Papiermühle bei Kilometer 43.

Hier wird mir doch gleich der nächste Verpflegungsbeutel mit einer neuen Knackwurst und einer weiteren Tafel Schokolade gereicht – ich hätte gar nicht rationieren müssen! Cola gibt´s natürlich auch wieder. Und eine SMS nach Hause:  „Füße sind ein einziges Drama.

Dass das Loslaufen mit unzähligen Blasen in den ersten Minuten immer am schlimmsten ist, kenne ich ja bereits aus den Trekking-Urlauben. Nur muss ich dort nicht gleich eine Bundesstraße überqueren, wie hier. Im Schneckentempo schleiche ich los.

Wie ein Mantra sage ich mir immer wieder den Spruch vor, den ich mir immer im Urlaub anhören darf: „Blasenschmerzen sind keine Schmerzen“. Das, und das Vor-mich-Hinsingen von Volksliedern halten mich auf den Beinen (Favorit: „Im Frühtau zu Berge“). Dummerweise wird eine Stimme immer lauter, die mir irgendwann entgegenbrüllt, dass Blasenschmerzen eben DOCH Schmerzen sind. Zumal die Schmerzen in Knie und Hüften immer unerträglicher werden.

Bei Kilometer 50 ist Schluss für mich. Es wäre sicher noch irgendwie ein wenig weiter gegangen. Aber niemals bis zum Ziel. Und mein Lauftraining hätte ich mir durch die längere Regenerationsphase für längere Zeit komplett zerschossen. Hauptgedanke: Langstreckenwandern ist vielleicht einfach nicht mein Ding. Ich empfange Alexander mit den Worten „Ich bin ein Jammerlappen!“

Ich bin knapp 10,5 Stunden unterwegs, habe 1.650 Höhenmeter ansteigend überwunden – und es reicht einfach. Mein körperlicher Zustand am Tag danach bestätigt diese Entscheidung ;-)

Fazit:

  • Wäre es eine 50-Kilometer-Veranstaltung gewesen, wäre ich komplett zufrieden
  • Diese Veranstaltung mit den ausschließlich ehrenamtlichen Helfern ist einfach so unheimlich sympathisch
  • Manchmal muss man wissen, wann es zu viel wird
  • Die Schuhe waren für den Untergrund nicht optimal, die Sohle war sicher zu hart
  • NIE wieder kaufe ich billige Blasenpflaster, völlig unbrauchbar
  • Das etwas zu hohe Tempo zu Beginn war sicher nicht gut für mich
  • Beim nächsten Mal gäbe es mehr Trainingswanderungen

… und für´s nächste Jahr hätte ich sogar schon eine Wandergefährtin akquiriert :-) Also – das Thema „100 Kilometer rund um Jena“ ist irgendwie noch nicht so ganz abgeschlossen. Vielleicht wird Langstreckenwandern ja doch noch mein Ding.

Kurz vor´m Start

Optimismus sieht anders aus ;-)

Auf geht´s!

Kein Regen trotz Wolken

Auf der Kernberghorizontale

Auf der Kernberghorizontale

Abendstimmung am Steinkreuz

Es wird dunkel

Verpflegungsstelle 1

In Wogau

Tolles Fresspaket

Jena schläft
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Kommentare:

  • Esther 30. Mai 2011 um 09:45

    Ich bin stolz auf dich!!!!! und falls deine Wandergefährtin abspringt – ich
    würde das auch mal probieren!

  • Julia 30. Mai 2011 um 11:56

    Trotzdem fein gemacht – ich hab die Wanderung fürs nächste Jahr eigentlich auch
    ins Auge gefasst, ich komm also gern mit zum Trainingswandern…

  • Andrea 30. Mai 2011 um 19:46

    So, damit wären wir schon zu viert :D Nächstes Jahr findet die Horizontale am
    1. Juni statt.

  • Matthias 1. Juni 2011 um 13:46

    Respekt – tolle Leistung! Und dann auch noch Zeit zum Fotografieren gehabt und
    sehr stimmungsvolle Aufnahmen hinbekommen :-)

  • Markus 24. Juni 2011 um 15:07

    Wie kommt man auf eine solche Idee? Mir fallen spontan so viele andere
    Freizeitbeschäftigungen ein… :)

    Alle Achtung!

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